Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns. 
Rumi
 

Mein Weg mit der Demenz

Die Demenz kam unauffällig und leise in unser Leben, schleichend. Ich war die Erste, die sie erkannte. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater 59 Jahre alt. Bis es alle annehmen und aktzeptieren konnten und bis eine tatsächliche Diagnose gestellt wurde, vergingen noch ein paar Jahre. Doch irgenwann war klar, die Demenz ist nun ein Teil unseres Lebens. 

Wir holten uns ärztliche Unterstützung, mein Vater bekam Medikamente, in der Hoffnung, das Fortschreiten der Demenz zu verlangsamen. 

Der Verlauf

Die ersten Jahre verliefen ruhig und unspektakulär. Mein Vater war sehr selbstständig und veränderte sich nur langsam. 

Mitte 2018 wurde es dann schwieriger, er war verwirrt und wurde immer unselbständiger. Anfang 2019 wurde es dann richtig schlimm; man konnte ihn keine 5 Minuten mehr ohne Aufsicht lassen, die Kommunikation wurde immer schwieriger, er hatte große Fluchttendenzen, wurde stellenweise aggressiv und hatte keinen Tag-/Nacht-Rhythmus mehr. 

Er entwickelte eine wahnsinnig große Unruhe, die wir durch eine immer höher werdende Medikation versuchten abzustellen. Durch die Medikamente bekam er jedoch immer stärkere Wahnvorstellungen. Er nahm die Tabletten immer nur sehr widerwillig und man sah ihm an, dass er mit aller Kraft gegen die Medikamente ankämpfte. 

Tagsüber schlief er dauernd ein, wurde gleichzeitig jedoch immer rastloser. Gelacht hatte er zu diesem Zeitpunkt wohl seit Jahren nicht mehr. Sein Blick wurde immer stumpfer und teilnahmsloser, immer unerreichbarer und man konnte sehen; er war dabei, sich in seine eigene Welt zu verabschieden. 

Nach Monaten ohne Schlaf, war meine Mutter am Ende ihrer Kräfte. Trotz der großen familiären Unterstützung und der Tatsache, dass mein Vater 3x in der Woche in die Tagespflege ging, war die Belastung immens und die Situation für beide nicht mehr aushaltbar. Wir begannen zu überlegen in welcher Pflegeeinrichtung mein Vater am besten aufgehoben wäre. 

Die Wende

Mein Verhältnis zu meinem Vater kann man als distanziert beschreiben, wir standen uns nie wirklich nah. 

Irgendwann in dieser Zeit gab mir jemand den Tipp: Gib deinem Vater das, was du dir von ihm gewünscht hättest. Dies war der erste Schritt zur Veränderung unserer Beziehung. 

Doch der große Umschwung kam, als ich begann mich mit innerwise (s. "über mich") zu beschäftigen. Mit Hilfe von innerwise begann ich, mit mir und meinen Eltern zu arbeiten. Von diesem Moment an begann sich alles zu verändern. Wir fanden wieder einen Zugang zueinander. Es war plötzlich ein anderes Verständnis füreinander möglich. Wir konnten meinen Vater auf einmal ganz anders sehen und auch wieder verstehen. Und das ohne Worte, durch den Muskeltest. 

Aggressivität ist bei ihm z.B. oft Angst, Wut oder der Ausdruck von Überfordert sein. Doch je besser wir ihn verstehen und je mehr er sich dadurch natürlich auch verstanden fühlt, desto seltener ist es für ihn nötig es uns auf diese Weise zu zeigen.

Dadurch, dass wir unsere Themen bearbeiten, haben wir wieder eine Verbindung zueinander. Mein Vater lacht wieder viel und häufig. Es ist schön zu sehen wie er sein Leben genießt und wie glücklich er ist. 

Heute

Die Demenz ist immer noch da und schreitet voran. Und natürlich stellt uns das im Alltag immer wieder vor neue Herausforderungen. Aber der Umgang damit ist ein anderer geworden. Jeder steht gleichwertig mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen neben dem anderen. Das Gefühl von Überforderung ist gegangen und einer ruhigen Gelassenheit gewichen. 

Im April 2019 haben wir alle Medikamente abgesetzt. Die Unruhe ist selten geworden. Wenn sie auftritt, finden wir die Ursache und können sie so schnell wieder auflösen. Auf der Flucht ist er nicht mehr, denn es gibt keinen Grund mehr zu flüchten. Er hat wieder einen normalen Tag-/Nacht-Rhythmus und das Schönste ist: er ist wieder da. Seine Augen sind klar und wach, er ist immer anwesend und nimmt am Leben teil. Und auch, wenn seine Welt nicht unsere ist und unsere Welt nicht seine ist, treffen wir uns in einer gemeinsamen Wirklichkeit, zu der wir alle Zutritt haben. 

Alle haben wieder mehr Lebensfreude und Lebensqualität. Auch meine Mutter kann ihr Leben wieder genießen. Sie gestaltet ihr eigenes Leben und ihr gemeinsames Leben mit meinem Vater wieder frei und mit lebendiger Leichtigkeit. 

Das was wir erlebt haben, ruft in uns allen eine große Dankbarkeit hervor. Dankbarkeit dafür, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen durften. Dankbarkeit dafür, dass wir die Chance bekommen haben, uns gemeinsam zu entwickeln und unser Leben so viel glücklicher und zufriedener zu gestalten. Dankbarkeit dafür, dass wir alle so sehr in die Freiheit kommen dürfen. 

Und vor allem Dankbarkeit dafür, es erkannt und angenommen zu haben: Das Geschenk der Demenz. 

 

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